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"Es bleibt die Hoffnung, dass der Verstand siegt“

Rede Dr. h.c. Lasker-Wallfisch im Bundestag

Rede Dr. h.c. Lasker-Wallfisch im Bundestag, © dpa

31.01.2018 - Artikel

Am Mittwoch, den 31.01.2018, gedachte der Deutsche Bundestag der Opfer des Nationalsozialismus. In ihrer Gedenkrede sagte die deutsch-britische Cellistin und Holocaustüberlebende Dr. h.c. Anita Lasker-Wallfisch, dass es weder Entschuldigungen noch Erklärungen für das damals Geschehene gebe.

Am Mittwoch, den 31.01.2018, gedachte der Deutsche Bundestag der Opfer des Nationalsozialismus. In ihrer Gedenkrede sagte die deutsch-britische Cellistin und Holocaustüberlebende Dr. h.c. Anita Lasker-Wallfisch, dass es weder Entschuldigungen noch Erklärungen für das damals Geschehene gebe. Es bleibe lediglich die Hoffnung, „dass letzten Endes der Verstand siegt“. Die Gedenkstunde fand anlässlich des internationalen Gedenktags für die Opfer des NS-Regimes statt, der seit 1996 jährlich am 27. Januar begangen wird. Neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel nahmen zahlreiche Ehrengäste an der Veranstaltung teil.


Die 92-jährige Anita Lasker-Wallfisch beschrieb in ihrer Gedenkrede ihre "Karriere als Überlebende von Auschwitz und Bergen-Belsen“. Als eine von drei Töchtern eines angesehenen Rechtsanwalts und Notars in Breslau musste sie als 16-Jährige gemeinsam mit ihren beiden Schwestern in ein Waisenhaus, nachdem ihre Eltern im April 1942 deportiert worden waren. Nachdem eine Flucht mit gefälschten Papieren misslungen war, wurden sie und eine ihrer Schwestern nach Auschwitz geschickt. Dank ihrer musikalischen Begabung wurde sie Cellistin in der Lagerkapelle in Auschwitz-Birkenau. Sie wohnte nur ein paar Meter vom Krematorium entfernt: „Wir konnten alles sehen…, die Kolonnen von Menschen, die Richtung Gaskammer gingen und in Rauch verwandelt wurden.“ Wie durch ein Wunder fand sie ihre Schwester Renate in Auschwitz wieder.


Beim Anrücken der sowjetischen Armee wurden sie in Viehwagen verladen und nach Bergen-Belsen gebracht. Am 15. April 1945 wurden sie von der britischen Armee befreit. Obwohl man es der heutigen Jugend nicht verübeln könne, dass sie sich nicht mit den Verbrechen identifizieren wolle, so Lasker-Wallfisch, dürfe auf keinen Fall geleugnet werden, dass diese Verbrechen zur deutschen Vergangenheit gehörten. Heute müsse es deshalb Verantwortung und Sicherheit geben, dass so etwas „nie, aber auch nie wieder geschehen kann“. Anita Lasker-Wallfisch lobte die im Bundestag getroffene Entscheidung zur Bekämpfung des Antisemitismus: „Man kann nur hoffen, dass Sie den Kampf gewinnen. Die Zukunft liegt in Ihren Händen“, sagte die 92-Jährige.


Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble hatte zuvor betont, dass an Auschwitz jede Gewissheit scheitere. „Aus der Schuld, die Deutsche in den zwölf Jahren der NS-Diktatur auf sich geladen haben, wächst den nachfolgenden Generationen eine besondere Verantwortung zu.“ Als besonders beunruhigend bezeichnete er es, wenn ein Großteil der heute in Deutschland lebenden Juden angebe, im Alltag antisemitische Anfeindungen zu erleben. „Das ist inakzeptabel“, so Schäuble.


Schäuble betonte, dass Hetze und Gewalt in der deutschen Gesellschaft keinen Raum haben dürften. Das freie, demokratische und friedliche Deutschland sei auf der historischen Erfahrung „unermesslicher Gewalt“ erbaut. „Unsere Verfassung hat daraus die Lehren gezogen. Auch deshalb ist unser Land für viele Menschen in der Welt inzwischen ein Sehnsuchtsort“, sagte der Bundestagspräsident.

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